Warenlager gehören zu den anspruchsvollsten Bewertungsobjekten überhaupt. Sie sind dynamisch, verändern sich ständig und bestehen selten aus gleichartigen, klar kalkulierbaren Gütern. Warum das so ist, zeigt sich in der Praxis immer wieder, insbesondere bei Unternehmensbewertungen oder Insolvenzverfahren, wo auch das mobile Umlaufvermögen bewertet werden muss:

  1. Lager verändern sich laufend: Bestände werden verkauft, ergänzt oder umgebucht, Oft schon während der Bewertungsphase.

  2. Fehlende oder unvollständige Lagerlisten: Viele Betriebe führen keine aktuelle oder exportierbare Inventur.

  3. Unterschiedliche Lagerqualität: Vom perfekt organisierten Regallager bis zur chaotischen Ansammlung von Restposten ist alles möglich.

  4. Unklare Marktgängigkeit: Manche Artikel sind top-verkäuflich, andere völlig veraltet oder nur intern nutzbar.

  5. Restwerte und Bruchware: Teilmengen, beschädigte oder veraltete Produkte erschweren die Bewertung zusätzlich.

  6. Spezialware oder Systemteile: Produkte, die nur im eigenen Betrieb verwendbar sind, verlieren ohne diesen sofort ihren Wert.

Diese Faktoren machen deutlich, dass die Bewertung von Warenlagern bzw. des mobilen Umlaufvermögens nicht nur Zahlenverständnis, sondern vor allem Erfahrung, Marktkenntnis und gesunden Realitätssinn erfordert.

Die Bewertung und Verwertung von Warenlagern – also des mobilen Umlaufvermögens – ist in der Praxis ein deutlich komplexeres Thema, als viele anfangs vermuten. Es gibt kein Schema F, keine Formel, die auf jedes Unternehmen passt. Jedes Lager ist anders, von der Größe, vom Zustand, von der Struktur und von der Art der gelagerten Ware. Genau hier zeigt sich die Erfahrung des Sachverständigen: einzuschätzen, was realistisch, wirtschaftlich und nachvollziehbar ist.

Wir waren beide viele Jahre bei führenden europäischen Industrie-Auktionshäusern tätig, wie Karner & Dechow Auktionen, Troostwijk und Surplex, und kennen die Praxis der Bewertung und Verwertung von Anlage- und Umlaufvermögen aus erster Hand. Heute nutzen wir dieses Wissen als unabhängige Sachverständige, um für Insolvenzverwalter, Banken, Notare und Unternehmen realistische Werte zu ermitteln und nachvollziehbare Entscheidungen zu ermöglichen.

Bewertung in der Praxis

Ein Lager ist nicht gleich Lager. In unseren bisherigen Bewertungen hatten wir alles: von kleinen 30 m² Installateurslagern bis zu Handelslagern im Millionenbereich. Oft sind Lager über Jahre gewachsen, unstrukturiert, mit Restposten aus Aufträgen, überschüssigem Material und Artikeln, die niemand mehr genau zuordnen kann.

Gerade bei Handwerksbetrieben, etwa Elektrikern, Installateuren oder HKLS-Unternehmen, liegen in den Regalen häufig Reststücke, die aus wirtschaftlicher Sicht nur für den Betrieb selbst sinnvoll sind. Ein angebrochenes Paket Dämmwolle hat für den Installateur Wert, weil er sie beim nächsten Projekt einsetzen kann. Für jeden anderen Käufer ist das hingegen praktisch wertlos.

Ähnlich verhält es sich in IT-Lagern, Elektrobetrieben oder Tischlereien, wo sich über die Jahre ein Sammelsurium aus Ersatzteilen, Spezialkabeln, Beschlägen oder Einzelkomponenten ansammelt. Hier ist oft nur eine grobe Wertschätzung des mobilen Umlaufvermögens möglich, weil weder ein Lagersystem noch eine aktuelle Bestandsliste existiert. Solche Bestände können meist nur pauschal oder als Gesamtpaket verkauft werden, wenn sich überhaupt ein Käufer findet.

Anders sieht es bei strukturierten Lagern aus. In gut geführten Betrieben sind die Waren sortiert, beschriftet und oft mit Inventurlisten dokumentiert. In der Verwertungspraxis haben wir bei Insolvenzen solche Lager postenweise aufgenommen und versteigert, z. B.: 1 Stk. Steckregal, 4 m lang, inkl. Inhalt bestehend aus 50 Kunststoffschütten mit Relais etc.So können Interessenten gezielt Warengruppen kaufen, die für sie relevant sind. Der Vorteil: gezielte Nachfrage. Der Nachteil: Es bleiben meist Restposten übrig, die am Ende keinen Abnehmer finden.

Verwertung in der Praxis

Die Verwertung von Warenlagern und damit des mobilen Umlaufvermögens ist mindestens so anspruchsvoll wie die Bewertung selbst. Es gibt keine pauschale Lösung. Jedes Projekt erfordert eine eigene Strategie. Erfahrung, Marktkenntnis und die richtige Vorgehensweise sind entscheidend.

  • Mitbewerber vor Ort: Möglicherweise hat ein Mitbewerber vor Ort Interesse die Ware zu übernehmen. Gerade in kleineren Regionen kann das die einfachste Lösung sein.
  • Spezialisierte Warenhändler: kaufen Restposten und Lagerauflösungen thematisch sortiert oder branchenübergreifend auf.
  • Industrie-Verwerter: haben große Kundennetze und bieten die Waren postenweise oder einzeln am Markt an. Vorteil: minimaler Aufwand für den Auftraggeber. Nachteil: Sie verlangen natürlich eine Marge.
  • Abverkauf vor Ort: Mit Rabattaktionen lassen sich schnell Käufer finden aber nur, wenn die Ware attraktiv und zugänglich ist.
  • Schrottverwertung: Wenn nichts anderes bleibt, können Metallteile oder beschädigte Güter an Schrotthändler verkauft werden.

Mögliche Vorgehensweisen (strategische Übersicht)

Die folgende Übersicht zeigt typische Ansätze aus unserer Praxis, wie Bewertung und Verwertung von Warenlagern bzw. mobilem Umlaufvermögen in unterschiedlichen Situationen gestaltet werden können.

Es handelt sich dabei nicht um verbindliche Vorgaben oder allgemeingültige Regeln, sondern um Beispiele aus der Erfahrung, die je nach Branche, Warenart, Zeitrahmen und Zielsetzung individuell angepasst werden müssen.

Jedes Projekt ist anders – diese Übersicht soll Anregungen und Orientierung bieten, wie sich verschiedene Ausgangslagen in der Praxis bewerten und verwerten lassen.

Ausgangslage

Möglicher Bewertungsansatz

Möglicher Verwertungsansatz

Kleines, unsortiertes Lager ohne Liste

Grobe Schätzung des mobilen Umlaufvermögens, ggf. pauschale Bewertung auf Basis von Erfahrungswerten

Verkauf „in Pausch und Bogen“ an Mitbewerber oder Warenhändler, alternativ über Industrie-Auktionshäuser

Gut sortiertes Lager mit Regalen

Bewertung postenweise (z. B. Regal inkl. Inhalt) anhand von Stichproben und Vergleichswerten

Postenweise Verwertung über branchenspezifische Käufer, Warenhändler oder – falls sinnvoll – Industrie-Auktionshäuser

(Großes) Handelslager mit Datenexport möglich

Bewertung anhand Exportliste mit Stichtag, Plausibilisierung durch Stichproben und Warengruppenanalyse (A-, B-, C-Ware)

Kombination aus Direktverkauf an Mitbewerber, gezielter Ansprache von Warenhändlern oder ergänzend über Industrie-Auktionshäuser

Keine Abnehmer am Markt

Bewertung unter Liquidationsaspekten – realistischer Erlös im Falle einer raschen Verwertung

Abverkauf vor Ort mit Rabattaktionen oder Insolvenzverkauf, in Einzelfällen ergänzend über Verwerter oder Auktionshäuser

Veraltete, beschädigte oder unverkäufliche Ware

Bewertung zum Material- oder Schrottwert

Verkauf an Schrotthändler (mehrere Angebote einholen, nicht am selben Tag)

Spezielle oder systemgebundene Produkte

Einzelfallprüfung, ggf. reiner Materialwert oder Nullbewertung

Eventuell direkte Ansprache von Mitbewerbern, die baugleiche Systeme verwenden

Händler mit gutem Namen am Markt

Bewertung auf Basis der vorhandenen Struktur, Warenbewegung und Marktsituation

Abverkauf im laufenden Geschäftsbetrieb oder strukturierter Verkauf an Mitbewerber, Warenhändler oder Industrie-Auktionshäuser

Wenn die Ware keinen Markt mehr hat

Manchmal ist die Frage gar nicht, was etwas einmal gekostet hat, sondern ob es überhaupt noch einen Markt dafür gibt. In Liquidationsgutachten muss man überlegen, ob ein Käufer mit der Ware überhaupt etwas anfangen kann. Systemgebundene Produkte, Ersatzteile oder Komponenten verlieren ihren Wert mit dem Ende des Unternehmens. Dann entspricht der Marktwert häufig nur mehr dem Kilopreis oder gar dem Nullwert.

Auch das kommt vor: Metallteile, Rohrabschnitte, Beschläge oder Maschinenbauteile, die sich nur noch als Schrott verwerten lassen. In solchen Fällen kann es sich lohnen, mehrere Schrotthändler mit gutem Ruf einzuladen, nur bitte nicht am selben Tag, und Vergleichsangebote einzuholen. Die Unterschiede können erheblich sein.

Praxisbeispiele aus der Verwertung

Ein besonders eindrückliches Beispiel war ein Boots- und Angelzubehörgeschäft, das wir im Rahmen einer Insolvenz begleitet haben. Der Lagerbestand war enorm, aber völlig unstrukturiert. Gemeinsam mit dem Insolvenzverwalter entschieden wir uns für einen Abverkauf im Geschäft selbst, mit klarer Beschilderung „Insolvenz-Abverkauf – alles minus 30 %“. Das zog tatsächlich viele Kunden an, doch auch hier zeigte sich: trotz Rabatt bleiben Ladenhüter übrig.

Ein anderer Fall betraf einen Fliesenhändler. Das Lager war groß, doch viele Fliesen waren jahrzehntealt. Wir starteten mehrere Abverkaufstage bei bestem Sommerwetter, doch der erhoffte Ansturm blieb aus. Die attraktiven Fliesen waren schnell verkauft, die Einzelstücke blieben liegen. Kein Bauherr kauft 30 Fliesen, wenn er 400 braucht. Auch das ist Teil der Realität: Manche Ware ist schlicht nicht mehr marktfähig, egal wie schön sie ist.

Bei größeren Handelsbetrieben ist die Situation oft komplexer. In einem Privatauftrag bewerteten wir einmal Handelsware im Umfang von rund 50 Millionen Euro, also ein umfangreiches mobiles Umlaufvermögen. Eine vollständige Inventur war zeitlich unmöglich. Daher wurde ein Stichtag festgelegt, der Lagerbestand exportiert und durch zahlreiche Stichproben überprüft. Anschließend ordneten wir die Artikel in Gruppen ein:

A-Ware: stark nachgefragt, gut verkäuflich

B-Ware: mittlere Umschlagshäufigkeit, längere Lagerdauer

C-Ware: Ladenhüter, veraltete oder unvollständige Artikel

Auf dieser Basis konnten wir realistische Werte zuordnen und so eine nachvollziehbare, marktorientierte Bewertung erstellen.

Bewertung ist keine exakte Wissenschaft

Sachverständige haben keine Glaskugel. Eine Bewertung ist immer eine Schätzung – aber eine qualifizierte und nachvollziehbare. Niemand kann seriös behaupten, ein Warenlager bzw. mobiles Umlaufvermögen sei genau 236.721,23 Euro wert. Ziel ist es, durch Erfahrung, Vergleichswerte und Marktbeobachtung einen plausiblen, realistischen Wert zu bestimmen, meist unter erheblichem Zeitdruck.

Fazit

Die Bewertung und Verwertung von Warenlagern ist kein Standardprozess, sondern Maßarbeit. Es braucht Erfahrung, Marktverständnis und Fingerspitzengefühl, um die richtige Strategie zu wählen.

Ob Bewertung, Abverkauf oder Komplettverwertung: entscheidend ist, den Charakter des Lagers, die Marktgegebenheiten und die Zielsetzung realistisch einzuschätzen. Genau dabei helfen sachverständige Erfahrung, Branchenkenntnis und ein klarer, strukturierter Ansatz.

Titelfoto von Hannah Shedrow auf Unsplash